ALTERNATIVE FINANZIERUNGSFORMEN
FÜR UNTERNEHMER UND INVESTOREN
3 Fragen an kluge Köpfe
Foto: Dr. Jan-Henric M. Punte

M&A im Mittelstand: Nicht nur KI verändert die Beratung

Dazu 3 Fragen an Dr. Jan-Henric Punte

Part­ner bei GÖRG in Hamburg
Foto: Dr. Jan-Henric M. Punte
1. Juli 2026

Die rasan­ten tech­ni­schen Entwick­lun­gen und regu­la­to­ri­scher Anfor­de­run­gen verän­dern den deut­schen M&A‑Markt grund­le­gend. Beson­ders mittel­stän­di­sche Unter­neh­men stehen vor der Heraus­for­de­rung, Trans­ak­tio­nen in einem Umfeld wach­sen­der Unsi­cher­hei­ten zu planen und umzu­set­zen. Welche Entwick­lun­gen spie­len aktu­ell eine große Rolle und worauf soll­ten Käufer und Verkäu­fer achten? — Dazu 3 Fragen an Dr. Jan-Henric Punte, Part­ner bei GÖRG in Hamburg.

1. Welche Entwick­lun­gen beein­flus­sen derzeit M&A‑Transaktionen im deut­schen Mittel­stand besonders?

Der M&A‑Markt im deut­schen Mittel­stand wird aktu­ell von einer histo­ri­schen Nach­fol­ge­welle und geopo­li­ti­schen Risi­ken, die zu einer Zurück­hal­tung im Markt führen, geprägt. Hinzu kommen stei­gende regu­la­to­ri­sche Anfor­de­run­gen. Inves­ti­ti­ons­kon­trol­len, Export­kon­trol­len, Sank­tio­nen sowie wach­sende Compli­ance-Anfor­de­run­gen entlang globa­ler Liefer­ket­ten spie­len bei Unter­neh­mens­käu­fen und ‑verkäu­fen eine immer größere Rolle. Entspre­chend umfasst die Due Dili­gence heute weit mehr als die klas­si­schen recht­li­chen, steu­er­li­chen und finan­zi­el­len Prüfungen.

Zugleich verän­dert der Einsatz von KI-Anwen­dun­gen wie etwa ChatGPT oder Claude auf Mandan­ten­seite die Bera­tung auch auf der prak­ti­schen Seite. Viele Unter­neh­men nutzen diese Tools bereits zur Vorbe­rei­tung von Doku­men­ta­tio­nen oder zur Aufbe­rei­tung von Infor­ma­tio­nen. Das kann zwar mandan­ten­sei­tig Prozesse unter­stüt­zen, führt aber auf Bera­ter­seite immer öfter zu zusätz­li­chem Prüfungs- und Abstim­mungs­auf­wand, wenn die Ergeb­nisse später recht­lich einge­ord­net und in den Gesamt­pro­zess inte­griert werden müssen. Es entsteht in der Praxis nicht selten ein erheb­li­cher Mehr­auf­wand, wenn der Bera­ter sich mit Vorschlä­gen und Ideen der KI beschäf­ti­gen und diese prüfen muss, auch wenn sie fach­lich an der Sache vorbeigehen.

Darüber hinaus hat der KI-Einsatz die Prozess­ge­schwin­dig­keit insge­samt spür­bar erhöht. Mandan­ten haben gelernt, auch große und komplexe Sach­ver­halte mithilfe dieser Tools deut­lich schnel­ler zu bewäl­ti­gen und aufzu­be­rei­ten. Das verän­dert das Tempo von Trans­ak­ti­ons­pro­zes­sen und erhöht den Erwar­tungs­druck an alle Betei­lig­ten, insbe­son­dere auch auf Bera­ter­seite. Insge­samt gewinnt die früh­zei­tige Einbin­dung der recht­li­chen Bera­ter weiter an Bedeu­tung. Wer die recht­li­che Struk­tu­rie­rung, die Aufbe­rei­tung der rele­van­ten Unter­la­gen und die Iden­ti­fi­ka­tion mögli­cher Risi­ken stra­te­gisch angeht, schafft Trans­ak­ti­ons­si­cher­heit und Prozess­ge­schwin­dig­keit und erhöht damit die Erfolgs­chan­cen eines Verkaufs- oder Erwerbs­pro­zes­ses erheblich.

2. Welche Risi­ken sehen Sie aktu­ell beson­ders häufig bei Unter­neh­mens­be­wer­tun­gen und Vertragsverhandlungen?

Ein zentra­les Risiko besteht darin, dass mit stei­gen­der Inno­va­ti­ons­ge­schwin­dig­keit tech­no­lo­gi­sche Entwick­lun­gen die Bewer­tung von Unter­neh­men inner­halb kurzer Zeit grund­le­gend verän­dern können. Wir bera­ten beispiels­weise Unter­neh­men, die über Jahre hinweg erheb­li­che Inves­ti­tio­nen in daten­ba­sierte Lösun­gen und Anwen­dun­gen getä­tigt haben. Solche Tech­no­lo­gien waren lange ein wesent­li­cher wert­stei­gern­der Faktor. Heute sehen wir jedoch Fälle, in denen gene­ra­tive KI-Systeme ähnli­che Infor­ma­tio­nen und Auswer­tun­gen in kurzer Zeit und zu deut­lich gerin­ge­ren Kosten bereit­stel­len können. Dadurch gera­ten bislang attrak­tive Geschäfts­mo­delle unter Druck und die ursprüng­li­chen Bewer­tungs­er­war­tun­gen müssen hinter­fragt werden. Anders­herum können Unter­neh­mens­be­wer­tun­gen für beson­ders inno­va­tive Geschäfts­mo­delle auch schnell in schwin­del­erre­gende Höhen schießen.

Konkret sehen wir im Rahmen unse­rer Bera­tung immer häufi­ger, dass Zahlen und Geschäfts­mo­delle auch mit Blick auf die rasante Entwick­lung der Künst­li­chen Intel­li­genz grund­le­gend hinter­fragt werden müssen. Das gilt in beson­de­rem Maße für den Bereich des geis­ti­gen Eigen­tums: Wem gehö­ren mithilfe von KI gene­rierte Inhalte? Wie werden bestehende IP-Posi­tio­nen durch den Einsatz von KI-Tools beein­flusst oder gefähr­det? Welchen Markt­wert haben proprie­täre Daten­lö­sun­gen noch, wenn vergleich­bare Ergeb­nisse künf­tig kosten­frei gene­rier­bar sind? Diese Fragen sind inzwi­schen fester Bestand­teil einer sorg­fäl­ti­gen Trans­ak­ti­ons­prü­fung. – In Trans­ak­ti­ons­pro­zes­sen kann das erheb­li­che Auswir­kun­gen haben. Wenn sich die Zukunfts­fä­hig­keit eines Geschäfts­mo­dells anders darstellt als ursprüng­lich ange­nom­men, wird der Kauf­preis neu verhan­delt oder im Einzel­fall sogar zum Deal Breaker.

Umso wich­ti­ger wird eine realis­ti­sche und früh­zei­tige Analyse der Markt- und Tech­no­lo­gie- sowie Geschäfts­mo­dell­ri­si­ken. Wer früh­zei­tig analy­siert, wie resi­li­ent das eigene Geschäfts­mo­dell gegen­über tech­no­lo­gi­schen Umbrü­chen ist, schafft nicht nur realis­ti­schere Bewer­tungs­grund­la­gen, sondern erhöht auch die Planungs­si­cher­heit für alle Trans­ak­ti­ons­par­teien. Viele Inves­to­ren setzen aus diesem Grund aktu­ell auch auf solide, über Jahre und Jahr­zehnte bewährte Geschäfts­mo­delle, die (noch) von der KI-Welle „verschont“ geblie­ben sind.

3. Welche neue Rolle spie­len Rechts­be­ra­ter heute bei mittel­stän­di­schen M&A‑Transaktionen?

Für Rechts­be­ra­ter bleibt die recht­li­che Struk­tu­rie­rung und Vertrags­ge­stal­tung weiter­hin Kern­ge­schäft. Ergän­zend mode­rie­ren wir heute Trans­ak­tio­nen deut­lich stär­ker als noch vor weni­gen Jahren, führen unter­schied­li­che Inter­es­sen zusam­men und geben Mandan­ten auch stra­te­gi­sche Orien­tie­rung in einem immer komple­xe­ren Umfeld.

Gerade im Mittel­stand sind Unter­neh­mens­ver­käufe häufig emotio­nal geprägt, etwa wenn es um die Nach­folge eines lang­jäh­ri­gen Inha­bers geht. Hier kommt es nicht nur auf juris­ti­sche Exper­tise an, sondern auch auf Verhand­lungs­ge­schick, diplo­ma­ti­sches Finger­spit­zen­ge­fühl und Empa­thie. Denn M&A‑Transaktionen gehö­ren gerade bei fami­li­en­ge­führ­ten Unter­neh­men häufig nicht zur typi­schen Klavia­tur. Wer sein Lebens­werk erst­ma­lig veräu­ßert oder über­gibt, braucht einen Bera­ter, der nicht nur recht­lich souve­rän agiert, sondern auch die beson­dere mensch­li­che Dimen­sion dieser Entschei­dung versteht und begleitet.

Hinzu kommt die bereits erwähnte rasante tech­no­lo­gi­sche Entwick­lung. KI-Anwen­dun­gen erset­zen keine recht­li­che Prüfung und keine syste­ma­ti­sche Trans­ak­ti­ons­vor­be­rei­tung. Unsere Rolle ist es nach wie vor, Mandan­ten auf mögli­che Risi­ken hinzu­wei­sen und wir raten davon ab, zentrale Trans­ak­ti­ons­do­ku­mente oder Entwürfe dafür ohne profes­sio­nelle Beglei­tung zu erstel­len. Ein verläss­li­cher Rechts­be­ra­ter ist heute Spar­rings­part­ner, Mode­ra­tor und stra­te­gi­scher Bera­ter zugleich mit dem Ziel, Trans­ak­tio­nen zeit­ef­fi­zi­ent, rechts­si­cher und erfolg­reich zum Abschluss zu bringen.

 

Dr. Jan-Henric M. Punte ist Part­ner der Wirt­schafts­kanz­lei GÖRG und berät natio­nale und inter­na­tio­nale Unter­neh­men in den Berei­chen M&A, Gesell­schafts­recht, Venture Capi­tal und Private Equity. Sein Schwer­punkt liegt auf der Beglei­tung komple­xer Unter­neh­mens­käufe und ‑verkäufe sowie stra­te­gi­scher Trans­for­ma­ti­ons- und Nach­fol­ge­pro­zesse im Mittel­stand. Als Fach­an­walt für Handels- und Gesell­schafts­recht verbin­det er recht­li­che Exper­tise mit einem ausge­präg­ten Verständ­nis für unter­neh­me­ri­sche Herausforderungen.
www.goerg.de

Newsletter abonnieren

Hier erfahren Sie von den neuesten Transaktionen, Börsengängen, Private Equity-Deals und Venture Capital-Investments, wer einen neuen Fonds eingesammelt hat, wie es um die Buy & Build-Aktivitäten steht.

Get in touch

Kontaktieren Sie uns!
fyb [at] fyb.de