Krise als Chance
Um Veränderungen anzustoßen, kann es eigentlich gar nicht genug Krise geben. Die aktuelle Gleichzeitigkeit drängender Themen bringt eine besondere Häufung von Problemen mit sich: geopolitische Spannungen, die Märkte und Lieferketten erschüttern, rasante Fortschritte bei künstlicher Intelligenz, ein eskalierender Fachkräftemangel und die Umbrüche durch die Energiewende. Für Aufsichtsräte und Beiräte bedeutet das: höhere Anforderungen an ihre Qualifikation, eine tiefere Beschäftigung mit aktuellen Themen und eine intensivere Zusammenarbeit mit Vorstand oder Geschäftsführung.
Inhaber, Vorstände und Geschäftsführer müssen Aufsichtsräte und Beiräte professionell zusammensetzen. Es reicht nicht mehr, den Rotary-Freund oder den langjährigen Steuerberater in den Beirat zu holen. Die aktuellen Poly-Krisen erzwingen zum Glück ein schnelles Umdenken. – Familienunternehmen nehmen eine besondere Rolle in der deutschen Wirtschaft ein. Die Familie ist oft eng ins operative Geschäft eingebunden – das schafft Chancen, birgt aber auch Risiken. Unterschiedliche Meinungen innerhalb der Familien oder der Familienstämme können Entscheidungen beeinflussen und Konflikte zwischen Gesellschaftern und Unternehmen auslösen. Gleichzeitig prägen langfristiges Denken über Generationen hinweg und der Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit die Unternehmenskultur.
In Familienunternehmen zählt vor allem eines: die persönliche Passung der Beiratsmitglieder zu Unternehmern oder Eigentümern. Vertrauen, Integrität und die Fähigkeit, auch schwierige Themen respektvoll anzusprechen, sind hier ebenso wichtig wie fachliche Expertise. Wer Erfahrung mit den Strukturen von Familienunternehmen hat, versteht die Dynamik zwischen Eigentümerfamilie, Management und Gesellschaftern – und agiert erfolgreicher als der reine Fachspezialist ohne diesen Hintergrund.
Ein weiteres Problem: Nur wenige Inhaber denken frühzeitig oder strategisch über ihre Nachfolge nach oder verknüpfen dieses Vorhaben mit langfristigen Zielen. Diese mutigen Nachfolgeentscheidungen sind emotional und brauchen Zeit. Wer zögert, verpasst den Top-Kandidaten von extern. Erbfolge per se bedeutet nicht unbedingt Qualifikation oder Kompetenz. Eigentümer müssen sich fragen: Könnte der Junior ohne den Nachnamen auch in einem anderen Unternehmen Vorstand werden?
Noch immer fehlt in vielen Kontrollgremien der Familienunternehmen spezifisches Fachwissen, doch das ändert sich. Finanzkenntnisse, M&A‑Erfahrung und ein internationales Netzwerk gehören inzwischen zur Grundausstattung eines Beirats. Die größten Defizite zeigen sich daher nicht in klassischen Kontrollthemen, sondern in zukunftsrelevanten Bereichen wie Strategie, Kundenorientierung, Innovation, Digitalisierung und KI.
Konzerne haben erkannt, dass KI nicht nur Effizienz steigert, sondern auch Wachstum und Innovation antreibt. Familienunternehmen hinken hier oft hinterher. Viele Unternehmen sind in traditionelleren, weniger digitalisierten Branchen tätig. Ist der Inhaber skeptisch gegenüber neuer Technologie, verzögern sich Innovationen und Entscheidungen zwangsläufig. Dabei könnten Familienunternehmen dank kürzerer Entscheidungswege KI-Projekte schneller umsetzen und neue Anwendungen zügiger testen.
Über Peter Alexander Rapp
Peter Alexander Rapp berät Gesellschafter und Unternehmer bei strategischen Personalentscheidungen. Sein Fokus liegt auf Familienunternehmen, insbesondere in den Bereichen Fast Moving Consumer Goods sowie Sports, Fashion & Lifestyle, Medien und Handel. Neben der Besetzung von Aufsichtsräten, Beiräten und der Vermittlung von Branchenexperten bei Board Xperts berät er als Partner der Personalberatung XELLENTO Executive Search auch Mittelstands- und Familienunternehmen bei der Besetzung der ersten und zweiten Ebene.
Seit 2004 widmet sich Peter Alexander Rapp der Personalberatung. Bei Russell Reynolds Associates und Hofmann Consultants Executive Search besetzte er eine Reihe von Top-Management-Positionen. Seine Management-Erfahrung in den Bereichen Fast Moving Consumer Goods, Sports, Fashion & Lifestyle, Medien und Handel prägt heute seine Beratungsschwerpunkte.
Das Unternehmensprofil von Board Xperts finden Sie in der FYB 2026-Ausgabe in Kapitel 11.