Der Wind im PE-Markt ist rauer geworden
Die Zurückhaltung der Investoren ist ja nicht ganz freiwillig, denn sie müssen derzeit einen regelrechten Spagat leisten: Die eine Seite ist, dass im Markt ein struktureller Rückstau besteht. Die PEs haben Unternehmen im Portfolio, die sie eigentlich längst hätten verkaufen sollen. Der Markt hat sich aber massiv verändert und damit sind auch die Bewertungen der Portfoliounternehmen zurückgegangen – zum Teil sehr stark. Die Folge daraus: Die Unternehmen lassen sich nicht zum beabsichtigten Preis verkaufen und das Kapital, das in sie investiert wurde, ist nach wie vor gebunden.
Damit kommen wir zur zweiten Seite, den neuen Beteiligungen. Diese werden dadurch erheblich erschwert. Die Folge ist, dass die PEs deutlich günstiger einkaufen müssen. Sie wollen aber auch nicht mehr jeden Preis bezahlen, weil sie gerade „live und in Farbe“ erleben, dass man nicht mehr davon ausgehen kann, dass jedes Portfolio-Unternehmen dann auch eine tolle Performance hinlegt. Der Druck auf die PE-Investoren kommt also aus zwei Richtungen: einerseits, die bestehenden Beteiligungen endlich zu Geld zu machen und anderseits, neues Kapital sinnvoll und mit Augenmaß zu investieren. So erklärt sich das, was wir als Zurückhaltung wahrnehmen. Letztendlich ist es eine Reaktion darauf, dass der Wind rauer geworden ist und vermutlich auch bleiben wird.
Wie heißt es: „When the going gets tough, the tough get going“. Ich kenne die PE-Szene schon lange genug und sowohl im Zuge des Dotcom-Crashs als auch bei der Finanzkrise haben wir steigende Haltedauern und starke Abwertungen gesehen – teils weitaus stärker als heute. Jetzt gilt es, die Ärmel hochzukrempeln und bei den Portfolio-Unternehmen anzupacken. Ich habe gerade die Haltedauern angesprochen: statt der üblichen drei bis vier Jahre sprechen wir jetzt schon von fünf bis sechs Jahren. Da sollten Investoren die Falle vermeiden, in die Privatanleger immer wieder tappen: zu lange an nicht profitablen Investments festzuhalten.
Das Gebot der Stunde lautet daher Value Creation. Der Begriff ist insofern etwas euphemistisch, als dafür erst einmal die Voraussetzungen geschaffen werden müssen im Sinne von verfügbarem Kapital. Und das bedeutet, sich auch von Beteiligungen zu trennen. Für die eigentliche „Value Creation“, also das Schaffen höherer Bewertungen, müssen die Investoren deutlich selektiver vorgehen, sowohl bei der Auswahl als auch bei der Bewertung oder der Evaluierung. Hier ist ganz klar darauf zu achten, die Spreu vom Weizen zu trennen, gerade bei der Einwertung von Risiken. Im Software-Bereich müssen beispielsweise immer auch KI-bezogene Risiken in die Bewertung einbezogen werden. Die werden vielfach vom Käufer ganz anders beurteilt als vom Verkäufer, so dass man sich am Ende nicht einigen kann. Solange hier jedoch Zweifel bestehen, ist das für den Käufer immer die klügere Entscheidung.
Der chinesische Markt bricht praktisch weg und auch der US-amerikanische Markt ist durch die ganze erratische Zollpolitik der amerikanischen Regierung deutlich schwieriger geworden. Das betrifft zwar nicht nur die Automobilindustrie, aber die in besonderem Maße. Sie befindet sich in einer strukturellen Krise, die viel nach sich zieht. Denken wir allein an die Vielzahl von direkten oder indirekten Zulieferern. Nicht ganz so ausgeprägt gilt das generell für Industrieunternehmen, die ja auch mit den US-Zöllen zu kämpfen haben. Dementsprechend sind viele PE-Investoren hier sehr zurückhaltend. Sie tun sich schwer damit, die mögliche Wertschöpfung halbwegs verlässlich einzuordnen und dazu passende Investment- und Exitstrategien zu entwickeln. Um den US-Markt nicht zu verlieren, denken viele Unternehmen aus dem Industriesektor darüber nach, in den USA Produktionskapazitäten auf- oder auszubauen. nachdem die US-Investitionen aber erst einmal zurückgefahren worden sind.
Falk Müller Veerse ist Geschäftsführer in der Global Technology Group von Stifel Europe und auf die Bereiche Klima- und Industrietechnologie spezialisiert. Er ist in München ansässig und kam zu Stifel, nachdem das Unternehmen im Jahr 2025 Bryan, Garnier & Co. übernommen hatte. Falk verfügt über 30 Jahre Erfahrung im Investmentbanking und war zuvor CEO von Cartagena Capital sowie Leiter des kontinentaleuropäischen Geschäfts von Durlacher, bevor das Unternehmen von Lazard übernommen wurde.