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FÜR UNTERNEHMER UND INVESTOREN
3 Fragen an kluge Köpfe
Foto: Lutz Voelker

Der Life Science Sektor ist im Umbruch

Dazu 3 Fragen an Lutz Voelker

aspect.partners GmbH & Co KG
Foto: Lutz Voelker
5. Septem­ber 2017

Der Life Science Sektor war immer ein Stief­kind der deut­schen Finan­zie­rungs­in­dus­trie. Ein Beispiel: „Immu­nic Thera­peu­tics“ aus Martins­ried bei München hat eine Serie A‑Finanzierungsrunde mit einem Gesamt-Volu­­men von 31,7 Millio­nen EUR abge­schlos­sen hat. Die Inves­to­ren kommen alle aus dem Ausland: Omega Funds (Boston, MA, USA) und Fund+ (Leuven, Belgien) sind mit der Inves­ti­tion von insge­samt zehn Mio. EUR dem bestehen­den inter­na­tio­na­len Inves­­to­­ren-Konsor­­tium, unter der Feder­füh­rung des nieder­län­di­schen VC-Inves­­tors LSP, beigetre­ten. Warum ist das so? Und wo gedei­hen Life Science Firmen am besten?


Dazu 3 Fragen an Grün­der von aspect.partners GmbH & Co KG

1. Der Life Science-Sektor befin­det sich in einem grund­le­gen­den Umbruch. Wo geht die Reise hin?

Der Life Scien­ces und Gesund­heits­sek­tor steht vor ähnlich disrup­ti­ven Umbrü­chen, wie die „klas­si­schen“ Indus­trien beim Thema Indus­trie 4.0.. Getrie­ben wird dieser Umbruch einer­seits durch bahn­bre­chende mole­ku­lare Forschung und Diagnos­tik, die einen nie dage­we­se­nen Erkennt­nis­ge­winn gene­riert — und damit auch gigan­ti­sche neue Daten­men­gen — sowie durch eine konse­quent fort­schrei­tende Digi­ta­li­sie­rung bei Forschung, Prüfung und Zulas­sung von neuen Wirk­sub­stan­zen, bei der Diagnos­tik, Thera­pie­aus­wahl und nach­hal­ti­gen Betreu­ung von Pati­en­ten sowie bei neuen digi­ta­len Geschäfts­mo­del­len der „klas­si­schen“ Medizintechnik.

Ein Folge dieser Entwick­lung sind neue Berei­che wie die Perso­na­li­sierte Medi­zin, welche indi­vi­du­ell auf den Pati­en­ten zuge­schnit­tene Behand­lungs­kon­zepte verfolgt, aber auch der Einsatz von Big Data Analy­tics Werk­zeu­gen zur konse­quen­ten Analyse und Verbes­se­rung von Einzel­the­ra­pien oder ganz­heit­li­chen Thera­pie-Work­flows („Outco­mes“). Dieses wird einen signi­fi­kan­ten Einfluss auf die gesamte Wert­schöp­fungs­kette im Gesund­heits­we­sen haben und wird insbe­son­dere auch die Phar­ma­in­dus­trie massiv beein­flus­sen. Betrach­tet man den Anteil der Pharma- und Medi­zin­tech­nik-Indus­trie am deut­schen Brut­to­so­zi­al­pro­dukt zusam­men mit dem Anteil der medi­zi­ni­schen Versor­ger (z.B. Kran­ken­häu­ser), erhält man als Summe einen Anteils­wert am deut­schen Brut­to­so­zi­al­pro­dukt, der nahezu vergleich­bar ist mit dem der Auto­mo­bil­in­dus­trie. Ähnli­che Verhält­nisse kann man in allen ande­ren west­li­chen Ländern beobachten.

2. Sie unter­hal­ten enge Bezie­hun­gen in die USA. Warum empfeh­len Sie euro­päi­schen Biotech‑, Medtech- oder Diagnos­tik-Firmen ihr Wachs­tum in die USA zu verlegen?

Das Thema muss sicher­lich diffe­ren­ziert betrach­tet werden und jedes Unter­neh­men wird solch eine Entschei­dung indi­vi­du­ell tref­fen müssen. Es gibt aber ein paar eindeu­tige Indi­ka­to­ren, die eine solche Entschei­dung beein­flus­sen können:

Bei den USA handelt es sich schlicht um den größ­ten Markt im Gesund­heits­we­sen welt­weit, mit den entspre­chen­den Wachs­tums­po­ten­zia­len, außer­dem geben die USA gemes­sen an einem Anteil von nahezu 20% ihres Brut­to­so­zi­al­pro­dukts welt­weit das meiste Geld für Gesund­heit aus. Auch ist die Mehr­zahl der forschen­den Phar­ma­un­ter­neh­men in den USA ange­sie­delt. Damit verbun­den exis­tiert in den USA der größte Kapi­tal- und Inves­to­ren­markt für Life Scien­ces welt­weit mit einer Viel­zahl erfah­re­ner, profes­sio­nell agie­ren­den und teil­weise sehr spezia­li­sier­ten Inves­to­ren. Die Anzahl der entspre­chen­den Invest­ment­ge­sell­schaf­ten und die dazu­ge­hö­ri­gen Fonds-Volu­men sind ungleich größer als in Europa, sodass Firmen, die sich in den USA enga­gie­ren wollen,  auf eine sehr inves­ti­ti­ons­freund­li­che Umge­bung tref­fen. Dies gilt auch für die Seed- und Früh­pha­sen­fi­nan­zie­rung, ein Bereich der in Europa vergleichs­weise schwach ausge­prägt ist.
In den USA gehört der Life Science Bereich zu den Top Wachs­tums­be­rei­chen. Viele Städte und Gemein­den mit meist sehr guter wissen­schaft­li­chen Infra­struk­tur haben dies erkannt und werben zur Zeit mit attrak­ti­ven Model­len, um euro­päi­sche Firmen in den USA anzu­sie­deln. Dabei handelt es sich nicht nur um die bekann­ten Stand­orte, wie Boston oder Palo Alto, sondern auch um Städte, wie zum Beispiel Orlando, Florida (https://vimeo.com/120180046), oder San Anto­nio, Texas.

Ein weite­rer wich­ti­ger Punkt ist schlicht das Geld­ver­die­nen: Jedes Unter­neh­men im Life­sci­ence Sektor muss zuerst den klini­schen Nach­weis über die „Wirk­sam­keit“ und „Anwend­bar­keit“ seiner Produkte erbrin­gen und dann müssen entspre­chende Zulas­sungs­ver­fah­ren erfolg­reich durch­lau­fen werden. Damit es danach ans Geld verdie­nen gehen kann, müssen die Produkte und Anwen­dun­gen durch die entspre­chen­den Kosten­trä­ger bezahlt werden, ansons­ten bleibt nur der vergleichs­weise kleine Bereich der Selbst­zah­ler. Bedau­er­li­cher­weise muss man in Deutsch­land nach Zulas­sung seiner Produkte und Anwen­dun­gen noch mit durch­schnitt­lich weite­ren vier Jahren rech­nen (Ausnah­men ausge­nom­men), bis diese die Erstat­tungs­fä­hig­keit erhal­ten, sodass sie auch von den Kran­ken­kas­sen bezahlt werden. Das ist eine große Hürde für viele Unter­neh­men, aber auch für Inves­to­ren, da die Zyklen, bevor ein Unter­neh­men beginnt wirt­schaft­lich erfolg­reich zu sein, deut­lich länger sind, als in ande­ren Technologiebereichen.

In den USA sind die Erstat­tungs­ver­fah­ren („Reim­bur­se­ment“) erheb­lich viel­fäl­ti­ger und damit auch komple­xer. Es ergibt sich aber daraus ein brei­ter Fächer von unter­schied­li­chen Abrech­nungs­mög­lich­kei­ten, sodass eine Erstat­tung nach erfolg­rei­cher Zulas­sung in der Regel einfa­cher und viel schnel­ler zu errei­chen ist, als in Europa. Zudem sind große US Health Systeme, wie Kaiser Perma­nente oder Adven­tist Health sehr inno­va­ti­ons­freu­dig und oft bereit, Sonder­wege zu gehen.

3. Wie entwi­ckelt sich die Inves­to­ren-Struk­tur im Biotech-Sektor?

Die USA sind unstrit­tig der größte Kapi­tal­markt für Life­sci­en­ces und Health Care welt­weit. Die Anzahl der Fonds, die in den unter­schied­lichs­ten Unter­neh­mens­pha­sen inves­tie­ren und deren Fonds-Volu­men ist um ein Viel­fa­ches größer als in allen ande­ren Regio­nen der Welt zusam­men. Die NASDAQ ist mitt­ler­weile welt­weit die attrak­tivste Börsen­platt­form für Life Scien­ces Unter­neh­men, nicht für den IPO, sondern insbe­son­dere auch für Secon­da­ries und Add-Ons. Der welt­weit größte Kapi­tal­markt-Event im Bereich Life Science Indus­try ist die JP Morgan Life Scien­ces Inves­tor Confe­rence, die jedes Jahr im Januar in San Fran­cisco stattfindet.

China ist dabei, gewal­tig aufzu­ho­len. Das Thema Gesund­heits­we­sen ist eine der fünf stra­te­gi­schen Säulen im neuen fünf-Jahres­plan der Regie­rung der Volks­re­pu­blik. Der Sektor boomt und es entste­hen monat­lich neue exzel­lente Start Ups in den unter­schied­lichs­ten Berei­chen des Life Science Sektors. Glei­ches gilt für den Kapi­tal­markt. Zusam­men mit unse­rem Part­ner-Unter­neh­men in Hong Kong haben wir gerade eine Analyse des chine­si­schen VC Mark­tes im Sektor Life Scien­ces durch­ge­führt. Neben schon etablier­ten Finanz­in­ves­to­ren, wie Dech­eng Capi­tal oder Tencent haben wir mehr als 30 neue VCs iden­ti­fi­zie­ren können, die in den letz­ten zwei bis drei Jahren entstan­den sind. Die Fonds-Volu­men bewe­gen sich in der Regel im drei­stel­li­gen Millio­nen Bereich.

Die Situa­tion in Deutsch­land und Europa hinkt bedau­er­li­cher­weise deut­lich (mal wieder) hinter­her. Es gibt eine respek­ta­ble Anzahl von Invest­ment­fonds und Betei­li­gungs­ge­sell­schaf­ten, die in der Vergan­gen­heit ansehn­li­che Erfolge erzielt haben, jedoch ist die Zahl neuer Fonds sehr begrenzt. Eine deut­li­che Anzahl der etablier­ten Fonds fokus­sie­ren sich entwe­der nur auf Pharma/Therapeutika oder auf later stage-Unter­neh­men. Fonds, die sich verstärkt auf die neuen Themen, wie neue Diagno­stica, digi­tale Medi­zin­tech­nik oder Geno­mics fokus­sie­ren, sind in der Minder­heit. Einige weni­gen Ausnah­men finden sich z.B. in UK, hier ist eine brei­tere Aufstel­lung erkenn­bar, jedoch gibt es dort eine ganze Reihe von Gesell­schaf­ten, die nur in UK, bzw. im Spin-Off Umfeld der briti­schen Univer­si­tä­ten inves­tie­ren. Auch in der Schweiz wurde gerade ein neuer 500 Mio. CHF Start Up Fonds aufge­legt, dieser inves­tiert breit in alle neuen Tech­no­lo­gien. Bedau­er­li­cher­weise gibt es in Deutsch­land und Europa vergleichs­weise nur wenige Fonds, die in Seed- oder Früh-Phasen investieren.

 

Über Dipl. Ing. Lutz Voelker 

Herr Völker ist Mana­ging Part­ner bei aspect.partners und Leiter der Health­care Prac­tice. Dane­ben ist er als Mitglied des „Health­care Big Data Coun­cils“ bei der Gerson Lerman Group, New York, tätig (GLG), wo er Invest­ment­ge­sell­schaf­ten bei Inves­ti­tio­nen im Life Science Sektor berät. Weiter­hin ist er für die Geschäfts­be­reichs­lei­tung der SAP Health Group bei SAP SE als stra­te­gi­scher Bera­ter tätig und berät in Stra­te­gie­fra­gen das Execu­tive Team von Adven­tist Health System, eines der größ­ten Gesund­heits­sys­teme und Kran­ken­haus­be­trei­ber im US Gesund­heits­we­sen mit mehr als 9 Mrd. USD Umsatz und mehr als 4,7 Mio. Pati­en­ten jährlich.

Herr Völker hat als Grün­der der aspect.partners eine Viel­zahl von Trans­ak­tio­nen und Finan­zie­run­gen beglei­tet. Neben Manda­ten junger Firmen im Life Science Umfeld hat er im Jahr 2015 verschie­dene Kapi­tal­markt-Road­shows für Life Science Unter­neh­men in den USA betreut und 54 Mio. Euro im Rahmen von zwei Finan­zie­rungs­run­den für einen US/Europäisches Unter­neh­men im Life­sci­en­ces Bereich einge­wor­ben. Aktu­ell (30. August 2017) betreut aspect.partners fünf euro­päi­sche Mandate und ein US Mandat im Bereich Lifesciences.

 

Über aspect.partners

aspect.partners ist ein unab­hän­gi­ges Bera­tungs­un­ter­neh­men auf Basis eines part­ner­schaft­li­chen Zusam­men­schlus­ses von ehema­li­gen Indus­trie­ma­na­gern und Invest­ment­ban­kern. Unsere Part­ner verfü­gen alle über solide, lang­jäh­rige, inter­na­tio­nale Indus­trie Erfah­rung als Senior Mana­ger, Gene­ral Mana­ger oder als Vorstände inter­na­tio­na­ler Unter­neh­men und haben in der Regel inter­na­tio­nale Orga­ni­sa­tio­nen geleitet.

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