Einfluss der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (SVI) auf die deutsche Wirtschaft – Kann Privatkapital zur Abschreckung beitragen?
Von Anfang an beruhte die Bundeswehr auf demokratischen Grundlagen. Sie war eine in die Gesellschaft eingebettete Institution, die dem Gesetz und der parlamentarischen Kontrolle unterstand. Innerhalb der NATO erwarb sich die Bundeswehr Respekt als wirksamer Faktor der Abschreckung. — Der Niedergang setzte in den 2000er Jahren ein, als der Westen von Freunden umgeben zu sein schien und Deutschland sich auf Scheckbuchdiplomatie verließ. Militärische Macht schien unnötig, Budgets und Ambitionen schrumpften. Afghanistan machte die Kosten deutlich: Deutschland erlitt Verluste und erkannte, wie stark es von amerikanischen Fähigkeiten abhängig war. Modernisierungsbemühungen kamen nur schleppend voran. Die politische Zurückhaltung – symbolisiert durch den langen Widerstand gegen bewaffnete Drohnen – hinterlässt bis heute Lücken, die in Konflikten, in denen unbemannte Systeme das Schlachtfeld prägen, von Bedeutung sind.
Die Streitkräftestruktur wurde ausgehöhlt. Im Vergleich zu den Höchstständen während des Kalten Krieges sanken die Ausrüstungsbestände um etwa drei Viertel, und die Personalstärke schrumpfte um mehr als die Hälfte.
Berlin erklärte einen Wendepunkt nach der Invasion der Ukraine. Die Einstellung der Gesellschaft änderte sich und die Bereitschaft, in Verteidigung zu investieren stieg – auch unter den Einschränkungen der in der Verfassung verankerten Schuldenbremse. Der Wiederaufbau erfordert nachhaltige Anstrengungen: Wiederherstellung der Einsatzbereitschaft, Auffüllen der Munitionsvorräte, Verbesserung der Beschaffung, Einsatz moderner Luftabwehr- und Langstreckenwaffen, Integration von Drohnen und Anti-Drohnen-Werkzeugen sowie Erneuerung der zivil-militärischen Beziehungen. Ebenso wichtig ist die Wiederbelebung des Ethos, das die Bundeswehr einst zu einer glaubwürdigen, bürgernahen Abschreckungskraft machte – verwurzelt in Legalität und Verantwortung. Diese Legitimität kam im Eid der Soldaten zum Ausdruck, der Bundesrepublik treu zu dienen und die Rechte und Freiheiten des deutschen Volkes zu verteidigen. In der Ausbildung standen immer Zurückhaltung, Verfassungstreue und die Interoperabilität innerhalb des Bündnisses im Vordergrund, nicht Ideologie oder Hass.
Die Kernfrage ist, ob SVI zu einem neuen Wachstumsmotor werden und die Verluste der Automobilindustrie ausgleichen kann. Der deutsche Automobil- und Zuliefersektor sichert im Jahr 2025 etwa 3,1 Millionen Arbeitsplätze – rund sieben Prozent der Gesamtbeschäftigung. Für die SVI fehlen Daten für 2025. Als Anhaltspunkt: Im Jahr 2015 gab es in diesem Sektor etwa 409.000 Vollzeitstellen, und vor der „Zeitenwende” wuchs er jährlich um etwa 3,8 Prozent (Quelle: Wifor, BDSV). In Bezug auf das Umsatzwachstum übertreffen SVIs die Automobilindustrie deutlich (annualisiertes Umsatzwachstum 2023–2025e). SVIs lagen zwischen 20% und 50%, Rheinmetall sogar über 50%, während die Automobilhersteller stagnierten oder sogar schrumpften. Die Auswirkungen der „Zeitenwende” sind offensichtlich.
In Europa besteht jetzt der politische Wille, in Sicherheit zu investieren und die Mitgliedstaaten haben sich zur 5‑Prozent-Marke des BIP verpflichtet. Dies hat sich auch in den nationalen Agenden niedergeschlagen: Die Bundeswehr wird mit erheblicher Kapitalzufuhr modernisiert. Resilienz steht wieder auf der Tagesordnung und die Infrastruktur wird erneuert. Verteidigungsunternehmen werden in den kommenden Jahren florieren und könnten über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren potenziell die Jobverluste der Automobilindustrie ausgleichen. ESG wird die Verteidigung als einen Faktor einbeziehen, der zur Nachhaltigkeit beiträgt.
Privates Kapital wird eine bedeutende Rolle bei der Finanzierung von Dual-Use- und KRITIS-Unternehmen spielen. In fünf bis zehn Jahren wird es in Europa reine Verteidigungsfonds geben, sowohl im Bereich Risikokapital als auch im Private Equity und Private Debt.
Aus wirtschaftlicher Sicht ist der Investitionsbedarf in Dual-Use-Güter und KRITIS enorm, um 40 Jahre Inaktivität auszugleichen. Betrachtet man das gesamte Privatkapital, das in Deutschland investiert wird mit den Aufwendungen für das 5‑Prozent-Ziel der NATO, besteht noch viel Luft nach oben. Laut BVK (Branchenverband) beliefen sich die kumulierten Privatkapital Investments (ohne Private Debt) in 2024 auf ca. 11 Mrd. Euro. Ca. 150 Mrd. Euro pro Jahr werden für die Kriegstüchtigkeit benötigt. Ein Teil davon kann durch zusätzliches privates Kapital abgedeckt werden. In Deutschland gibt es ca. 3,5 Mio. Unternehmen, darunter im Wesentlichen KMU, die Dienstleistungen erbringen bzw. Produkte für den zivilen Bereich herstellen. Ein Teil davon könnte für Dual-Use- und KRITIS-Anwendungen eingesetzt werden.
Um ein solches Ökosystem zu fördern, ist privates Kapital gut geeignet, da es eine proaktive und langfristige Perspektive hat, die über reine Kapitalbeteiligungen hinausgeht. Dual-Use und KRITIS werden ein Megatrend und Wachstumsmotor für die europäischen Volkswirtschaften sein.
Marko Maschek ist seit 1997 als VC-/PE-Investor in Deutschland und den USA tätig und war Mitbegründer von Pinova und Marondo. Er war für 33 Technologie-Unternehmen verantwortlich, die einen Wert von mehr als 500 Millionen Euro generierten, darunter vier erfolgreiche Börsengänge. Er verbindet Ingenieurskenntnisse mit unternehmerischem Geschick. Nach seinem Wehrdienst war er in der Beratung und Softwareentwicklung tätig und meldete mehrere Entwicklungen im Bereich Automobilanwendungen zum Patent an. Marko hat einen Abschluss in Elektrotechnik vom KIT, einen Abschluss in Informatik von der INSA (Lyon) und einen MBA von der Universität Cambridge. Er ist Offizier der Cyberreserve der Bundeswehr.
General a.D. Christian Badia ist seit 1984 bei der Bundeswehr. Zuletzt war er Deputy Supreme Allied Commander Transformation NATO, Norfolk, Virginia – USA (2022 – 2025). Zuvor Abteilungsleiter Planung, Bundesministerium der Verteidigung, Bonn/Berlin (2018 – 2022), davor Amtschef Luftfahrtamt der Bundeswehr, Köln (2017 – 2018). Er bekleidete u.a. Positionen für die Zukunftsentwicklung der Bundeswehr beim Bundesministerium der Verteidigung (Bonn) und war Kommandeur European Air Transport Command, Eindhoven.