Legaltech – Die digitale (R)Evolution

Dr. Jan Schinköth, Rechtsanwalt und Partner DLA Piper UK LLP, München
Sebastian Walczak, LL.M., Rechtsanwalt und Senior Associate DLA Piper UK LLP, München

    Fintechs sind dank ihres wirtschaftlichen Aufstiegs in allen Medien präsent und mittlerweile allgemein bekannt. Nun macht der Begriff Legaltech immer mehr von sich reden. Doch was genau verbirgt sich dahinter? Sollen Computer zukünftig die Arbeit von Anwälten übernehmen? Welchen Einfluss hat Legaltech auf den juristischen Arbeitsmarkt im Allgemeinen und auf das wirtschaftliche Umfeld von Großkanzleien im Besonderen? Was sind die Chancen und Risiken?  Dieser Beitrag versucht, eine Momentaufnahme zu bieten und wagt einen Ausblick, welche weiteren Herausforderungen und Umwälzungen durch Legaltech auf den Anwaltsmarkt zukommen könnten.

    •  Wirtschaftliche Ausgangslage für Kanzleien 

    Anwaltskanzleien sind Wirtschaftsunternehmen und als solche unterliegen sie grundsätzlich denselben Kräften der Märkte, wie andere Marktteilnehmer auch. Und wie so oft geht auch hier die Initiative zu Veränderungen vom Verbraucher aus. Sinkende Akzeptanz für hohe Stundensätze, vermehrte Nachfrage nach alternativen Vergütungsmodellen, gestiegene Anforderungen an Transparenz und Effektivität, sowie die wachsende Bereitschaft, In-house Anwälte stärker einzubinden oder Teile eines Mandats an den jeweils günstigsten Anbieter zu vergeben (unbundling of services), schaffen ein kompetitives Umfeld, in dem Effizienzsteigerung kein Selbstzweck ist. Vor allem der US-Anwaltsmarkt zeigt eine seit Jahren sinkende Nachfrage nach (klassischer) Anwaltsberatung, was auf den Verlust von Marktanteilen zugunsten alternativer Anbieter hindeutet und mit einer fortschreitenden Zersplitterung des Marktes einhergeht.1 In den letzten Jahren reagierten Kanzleien auf die Herausforderungen vor allem durch Konsolidierungsbemühungen. Infolge von Kanzleizusammenschlüssen entstanden immer größere Einheiten, die ihre Kostenlast besser verteilen konnten, um so in dem kompetitiven Umfeld bestehen zu können. Wachstum allein könnte angesichts der neuen Herausforderungen allerdings nicht mehr ausreichen.

    • Fortschreitende Digitalisierung des Arbeitsmarktes

    Anfang 2016 stellte das Weltwirtschaftsforum eine Studie vor, der zufolge in den nächsten Jahren vor allem routinemäßige Büroaufgaben massiv entfallen könnten.2 Als wesentliche Treiber hinter dieser Entwicklung nannten die Befragten das Zusammenspiel sozioökonomischer, geopolitischer und demographischer Faktoren sowie die zunehmende Interaktion von Technologien wie künstliche Intelligenz, Nanotechnologie, 3D Druck, Genetik oder Biotechnologie.

    Auch vor Anwälten machen technologischer und demographischer Wandel nicht halt. Eine aktuelle Untersuchung geht davon aus, dass im Jahr 2020 ein „tipping point“ für UK-Kanzleien erreicht werden könnte, die sich nicht dem sich immer schneller ändernden Umfeld anpassen.3 Dabei ist die Digitalisierung der letzten Jahre auch an Kanzleien nicht spurlos vorbeigegangen und hat den Arbeitsalltag von Anwälten signifikant verändert: Elektronische Datenbanken und Bibliotheken, digitale Daten- und Knowledge Management Systeme, Email und Social Media sowie mobiles Arbeiten sind nur einige Beispiele.

    • Auswirkungen von Technologie auf die Bearbeitung von M&A Mandaten

    Auch die Bearbeitung von Mergers & Acquisitions (M&A) Mandaten hat sich durch den Einsatz moderner Technologien gewandelt. Während bis vor wenigen Jahren für ganze Generationen junger Anwälte die Durchsicht physischer Aktenordner im Rahmen der Legal Due Diligence die erste praktische Erfahrung in der Bearbeitung von Transaktionsmandaten darstellte, bestimmen seit einigen Jahren digitale Datenräume ihren Arbeitsalltag. Untersuchungen zu Effizienzsteigerungen infolge der Umstellung auf digitale Datenräume sind selten zu finden, zumal die eigentliche Arbeit – die Sichtung der Unterlagen und das präzise Zusammenfassen der Ergebnisse in einem Legal Due Diligence Bericht – dieselbe geblieben ist.4

    Für Kanzleien ist die Legal Due Diligence bei großen Transaktionen (den)noch ein recht lukratives Geschäft: Das Abarbeiten großer Dokumentenberge (auf Käuferseite oder bei einer Vendor Due Diligence auf Verkäuferseite) stellt eine gleichbleibende Auslastung vieler Associates sicher und ermöglicht selbst bei moderaten Stundensätzen signifikante Fee-Volumina. Mandanten sehen in der Legal Due Diligence hingegen auch einen Kostenfaktor, den es zu reduzieren gilt, und stellen die hergebrachten Arbeitsweisen der Kanzleien zunehmend in Frage. Forderungen nach Fixed Fees und Caps, Break-up-Fees, engmaschiges Monitoring und Reporting der Kosten kommen mehr oder weniger regelmäßig bei Verhandlungen über Vergütungsvereinbarungen auf. Als Teil des Transaktionsprozesses bleibt die Due Diligence dennoch oft ein kostspieliges und aus Mandantensicht intransparentes Element der Risikosteuerung. Obgleich die Bedeutung einer sorgfältigen Prüfung des Targets für den Erfolg – nicht nur des Abschlusses der Transaktion, sondern eines Investments insgesamt – außer Zweifel steht, stellen sich Unternehmenskäufer oftmals die Frage, ob die hierfür anfallenden Kosten in einem angemessenen Verhältnis zu dem hierdurch geschaffenen Mehrwert stehen.

    • Ansätze zur Automatisierung der Legal Due Diligence

    Doch all dies könnte sich bald radikal ändern, denn neue technologische Möglichkeiten versprechen deutliche Steigerungen der Effizienz des Legal Due Diligence Prozesses. Künftig sollen standardisierte und repetitive Teile der Legal Due Diligence automatisiert ablaufen. Mandanten wollen so von niedrigeren Transaktionskosten profitieren, die Anwälte sollen sich auf die komplexeren Fragestellungen fokussieren, um gleichbleibend hohe Qualität der gelieferten Arbeit zu gewährleisten. Ob sich damit das Geschäftsmodell internationaler Großkanzleien unverändert weiterverfolgen lässt, gilt es abzuwarten. Wenn statt Associates künftig ein Algorithmus das Filtern von Informationen erledigen kann, sinkt der Stellenwert menschlicher Arbeit in diesem Bereich nicht unerheblich. Kanzleien müssten sich mehr denn je überlegen, wie sie Associates künftig sinnvoll einsetzen wollen, um ihre Profitabilität nicht zu gefährden. Die Erwartungshaltung auf Mandantenseite ist jedenfalls klar: Die Kosten für Legal Due Diligence sollen sinken und neue Technologien können, so die Überlegung, dabei helfen. Es lohnt sich daher, über die anstehenden Umwälzungen nachzudenken. Denn die Herausforderungen sind vielfältig und lassen sich nicht nur in Zahlen ausdrücken.

    Der Markt für Legaltech

    • Was ist Legaltech?

    Der Begriff Legaltech (auch Legal Technology) ist ein Sammelbegriff, der nicht neu ist und bereits eine gewisse Wandlung durchgemacht hat. Er erinnert nicht zufällig an die Wortschöpfung Fintech. Definitionsansätze sind daher eher funktional und nähern sich dem Thema von der technischen Seite an. Folgende Definitionsversuche lassen sich mit Hilfe des Internets recht schnell auffinden:

    „Legal Tech beschreibt den Einsatz von modernen, computergestützten, digitalen Technologien, um Rechtsfindung, -anwendung, -zugang und -verwaltung durch Innovationen zu automatisieren, zu vereinfachen und – so die Hoffnung – zu verbessern.“5

     It [Legaltech] refers to legal technology/software that helps law firms with such things as practice management, document storage, billing, accounting and e-discovery.“6

     

    Die Plattform TechCrunch unterscheidet folgende drei Kategorien von Legaltech-Unternehmen: DIY Legal (wie z.B. LegalZoom oder RocketLawyer), Legal Marketplaces (wie z.B. Priori, UpCounsel, LawDingo) und High-Tech Tools.7 Zu den High-Tech Tools werden Anwendungen für Anwälte und Mandanten gleichermaßen in den Bereichen „legal research, billing, document review, document assembly and project management“ sowie „streamlining interactions between lawyers and their clients“ (etwa LawPal, ViewABill, PlainLegal) gezählt.

    Unter dem Begriff Legal Technology Framework differenziert eine aktuelle Studie, ausgehend von Arbeitsabläufen in einer Kanzlei und möglichen Auswirkungen von legal technology hierauf, zwischen Enabler Technologie, die sich auf die grundlegende Infrastruktur einer Kanzlei bezieht (z.B. Sicherheit), Support Process Solutions, etwa Lösungen für Business Development, Customer-Relationship-Management oder Dokumenten- und Knowledge-Management-Systeme, und „Substantive Law Solutions“, die standardisierte Arbeitsabläufe übernehmen oder unterstützend bei fortgeschrittener Analyse wirken, z.B. im Bereich des Prozessrechts.8

     

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    Eine allgemeingültige, einheitliche Definition des Begriffs Legaltech fehlt jedoch bislang. Angesichts der sehr heterogenen Geschäftsmodelle der Anbieter erscheint der gemeinsame Anknüpfungspunkt der Einsatz von Software zu sein, die in irgendeiner Art und Weise entweder Hilfs- (z.B. Recherche, Dokumentenanalyse) oder Kernaufgaben anwaltlicher Tätigkeit (z.B. Erstellen standardisierter Dokumente, Rechtsberatung), also das Verhältnis des Mandanten zum Anwalt, betrifft oder aber dem Anwalt bei der Bewältigung administrativer Aufgaben (z.B. Kanzleimanagement, Fakturierung) helfen sollen.

    • Der Markt für Legaltech

    Blickt man in einschlägige Medien, boomt die junge Branche der Legaltechs weltweit. Um das Phänomen wirklich global zu erfassen, fehlen jedoch verlässliche Zahlen, die diese Aussage untermauern könnten. Verfügbares Zahlenmaterial konzentriert sich vielfach auf die USA und nicht immer ist klar, welches Verständnis von Legaltech den Aussagen zugrundgelegt wurden, was die Vergleichbarkeit der Daten erschwert.  Viele Aussagen beruhen auf Ansichten einzelner Marktteilnehmer oder groben Schätzungen auf makroökonomischer Grundlage.

    So listet etwa die Stanford University weltweit über 550 Startups in den Bereichen marketplace, document automation, practice management, legal research, legal education, online dispute resolution, e-discovery sowie analytics,9 die Plattform AngelList dagegen führt sogar über 1.200 Unternehmen an.10 Bei den Angaben zu Investments in Legaltech-Unternehmen reicht die Bandbreite von etwa US$ 730 Millionen zwischen 2011 und 2016,11 bis hin zu US$ 450 Millionen alleine für 2013.12

    In den USA, wo sich (wohl) die meisten Startups der Branche antreffen lassen, ist bereits eine breite Legaltech Community mit zahlreichen eigenen Konferenzen, Meetings, Blogs und Kooperationen entstanden. Auch einige Universitäten unterstützen die weitere Entwicklung von Legaltech, wie etwa die Stanford University mit dem Stanford Center for Legal Informatics, das Forscher, Anwälte und Unternehmer zusammenbringt, die gemeinsam neue Technologien in der Branche vorantreiben sollen.13 Investments in Legaltech-Unternehmen blieben allerdings in den USA in 2016, wie auch schon 2015, trotz des anhaltend hohen Enthusiasmus hinter den Erwartungen der Vorjahre zurück.14

    Auch für den deutschen Markt fehlen verlässliche Branchenzahlen. Bislang gab es hierzulande nur wenige Legaltech-Startups, doch seit Ende 2015 scheint eine neue Dynamik in den Markt gekommen zu sein. Vor allem verbraucherorientierte Plattformen für Online-Beratung, die Vermittlung von Rechtsanwälten oder für Hilfe bei Sachverhalten mit hohem Standardisierungsgrad (Reiserecht, Bußgelder, Abmahnungen, Kredite) sind seither entstanden.15 Zum Teil erfahren deutsche Startups Unterstützung von US-Unternehmen aus der Branche, die in ähnliche Geschäftsmodelle hierzulande investieren (z.B. Legalzoom). Und auch deutsche Universitäten widmen sich dem Thema Legaltech zunehmend. So bietet etwa die Westfälische Wilhelms-Universität Münster seit kurzem Seminare zu Legaltech. Mit dem Bucerius Center on the Legal Profession gibt es ferner eine Einrichtung, die einen Schwerpunkt auf den Aufbau und die Vermittlung von Know-how im Bereich Legaltech und Innovation legt.

    Trotz insgesamt eher unklarer Datenlage legen die verfügbaren Informationen nahe, dass in nur wenigen Jahren ein beachtlicher Markt entstanden ist, wenngleich dieser sowohl hinsichtlich Anzahl der Unternehmen als auch Investmentvolumen noch hinter den Erfolgen der Fintech-Branche zurückbleibt. Zum Vergleich: Fintechs sollen seit 2008 schätzungsweise US$ 19 Milliarden von Investoren erhalten haben.16 Dennoch lässt sich die Dynamik erahnen, mit der sich die technologischen Entwicklungen auch im Bereich der Rechtsdienstleistungen ihre Bahn brechen. Das Interesse an den neuen Technologien scheint gleichermaßen auf Mandanten- als auch auf Kanzleiseite geweckt, so dass sich deren Verbreitung fortsetzen dürfte. Die Euphorie auf der Seite von Investoren und Startups ist – jedenfalls zum Teil – auch mit den enormen Summen zu erklären, die im Zusammenhang mit der Erbringung von Rechtsdienstleistungen genannt werden. Schätzungen zufolge war der weltweite Markt für Rechtsdienstleistungen 2014 ca. US$ 800 Milliarden wert.17 Der US-Markt für Rechtsdienstleistungen wurde auf ca. US$ 30018 bis US$ 400 Milliarden geschätzt.19 Vorsichtige Schätzungen für den deutschen Markt für Rechtsdienstleistungen gehen für 2013 von einem Volumen von etwa EUR 50 Milliarden aus,20 was sich vergleichsweise bescheiden zum US-Markt ausnimmt, aber dennoch das Potential auch hierzulande erahnen lässt.

    Legaltech und künstliche Intelligenz

    Quasi ein eigenes Segment innerhalb von Legaltech bilden Anwendungen in Bereichen der elektronischen Dokumentenanalyse und Informationsextraktion bzw. der Dokumenten- und Prozessoptimierung. Hier gibt es auch bereits mehrere Akteure, die sich mit ihren Dienstleistungen eher an professionelle Rechtsanwender richten, beispielsweise:

    • Leverton: Das deutsche Startup fokussiert sich auf die Immobilienbranche. Seine Technologie zur automatisierten Extraktion von Informationen aus Dokumenten nutzen nach eigenen Angaben z.B. Bilfinger SE, Strabag, Deutsche Bank und Union Investment.
    • Kira Inc.: Das kanadische Unternehmen wurde 2011 gegründet und zählt nach nur wenigen Jahren eine Vielzahl nationaler und internationaler Rechtsanwaltskanzleien zu seinen Kunden, darunter DLA Piper. Auch Kira Inc. bietet die automatisierte Extraktion von Informationen aus Dokumenten an, wobei die Plattform speziell für die Unterstützung bei der Due Diligence von M&A-Transaktionen konzipiert ist und das Unternehmen keinen besonderen Branchenfokus verfolgt.
    • KMStandards: Das 2008 gegründete Unternehmen bietet u.a. softwarebasierten Support bei der Analyse und Standardisierung von Dokumenten sowie die Erstellung individualisierter Verträge anhand von Musterformulierungen nach dem Bausteinprinzip. Auch KMStandards zählt internationale Kanzleien zu seinen Kunden.

    Diese Legaltech-Unternehmen machen sich vor allem die Vorteile der sog. machine learning Technologie zunutze. Häufig ist die Durchsicht von Verträgen auf bestimmte Klauseln und deren Zusammenfassung Teil der Legal Due Diligence bei M&A-Transaktionen, die von Associates oder neuerdings auch von Paralegals übernommen werden. Die Technologie von Kira Inc. etwa unterstützt solche Dokumentenanalyse und Extraktion von Informationen speziell bei der Legal Due Diligence in M&A-Transaktionen. Das System durchsucht die zu prüfenden Verträge und extrahiert relevante Klauseln (z.B. Change of Control, Exklusivität, Wettbewerbsverbote, Haftungsbegrenzungen, anwendbares Recht, etc.).

    • Anfänge der machine learning Technologie

    Die machine learning Technologie ist nicht neu. Sie hat ihre Ursprünge zum Teil in der Erforschung von künstlicher Intelligenz (KI) in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Der Begriff KI im weitesten Sinne verstanden erfasst viele Bereiche, die für sich betrachtet nur entfernt etwas mit menschlicher Intelligenz zu tun haben, z.B. Robotik, Bild- und Spracherkennungsverfahren, Mustererkennung und -vorhersage, Datensuche und -extraktion, (logische) Schlussfolgerungen (z.B. machine learning, expert systems).

    Eine gebräuchliche Definition für KI lautet: „AI is whatever hasnt been done yet.21  Dementsprechend hat das, was man unter KI versteht, aufgrund immer neuer technologischer Möglichkeiten über die Jahrzehnte zahlreiche Veränderungen erfahren (auch als AI effect beschrieben). Eine universelle Definition fehlt daher bis heute.

     

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    Machine learning bildet ein Teilgebiet der Erforschung von KI und zugleich einen Überbegriff für weitere Technologien, wie etwa das sog. deep learning. Der Begriff machine learning bezeichnet allgemein und stark vereinfacht einen Prozess, bei dem ein künstliches System mit Hilfe eines Algorithmus anhand von Beispielen trainiert wird, ohne diese jedoch einfach nur auswendig zu lernen und später abzugleichen. Vielmehr geht es darum, wiederkehrende Muster in den Beispielen zu erkennen und zu verallgemeinern, so dass das System anschließend in der Lage ist, auch unbekannte Daten zu analysieren, um daraus die gewünschten Informationen auf Grundlage vorgegebener Schwellenwerte zu extrahieren.

    Das bereits erwähnte deep learning zeichnet sich dabei durch die Verwendung besonderer Strukturen – sog. künstlicher neuronaler Netzwerke22 – aus. Zahlreiche Experimente untermauerten vor allem die Fähigkeit des deep learning, riesige Datenmengen in kürzester Zeit zu verarbeiten, um darin Muster zu erkennen, die einem Menschen unter Umständen verborgen geblieben wären. Ferner werden Systeme, die deep learning Technologie verwenden, bei steigender Datenmenge tendenziell sogar besser, was u.a. mit dem spezifischen Aufbau und der Funktionsweise künstlicher neuronaler Netzwerke zusammenhängt. Dazu ist deep learning im Vergleich zu herkömmlichen (regelbasierten) Verfahren, bei denen die Regeln quasi manuell programmiert werden, weniger aufwendig und deutlich effektiver.

    Möglich wurde deep learning vor allem dank immens gestiegener Rechen- und Speicherleistung, die zur Verarbeitung großer Datenmengen erforderlich sind. Hinzu kommt, dass Rechen- und Speicherkapazität heute deutlich billiger sind als etwa vor 30 Jahren (der Preis für 1 Gigabyte Arbeitsspeicher sank in diesem Zeitraum um mehr als 99 %) und digitale Daten in nahezu unbegrenztem Umfang zu Verfügung stehen (Stichwort: Big Data). Kombiniert mit Cloud-basierten Lösungen ist dafür nicht einmal der Aufbau eigener Rechen- und Speicherkapazitäten notwendig. Der Technologie wird folglich immenses Potential zugetraut, da Rechen- und Speicherleistung – wenngleich langsamer als früher von Gordon Moore prognostiziert23 – weiter steigen werden. Überall dort, wo große Datenbestände gleich welcher Art digitalisiert vorliegen, eignet sie sich, einen Mehrwert hieraus zu schaffen.

    Machine learning Anwendungen gehören derzeit zu den gefragtesten KI-basierten Technologien.24 Zwischen 2011 und 2014 sollen Anbieter von machine learning Plattformen US$ 1 Milliarde von Venture Capital Investoren eingesammelt haben und im selben Zeitraum sollen sich die Investitionen in KI-basierte Technologien auf mehr als US$ 2 Milliarden summiert haben.25 Einzelnen Schätzungen zufolge wird der Umsatz mit machine learning Anwendungen für Unternehmen in den nächsten zehn Jahren von derzeit US$ 109 Million auf über US$ 10 Milliarden steigen.26 Vor dem Hintergrund solcher Investments und sich stetig erweiternder Fähigkeiten der Technologie markieren gerade die aktuellen machine learning Anwendungen daher wohl auch im Bereich der Rechtsdienstleistungen erst den Anfang einer neuen Entwicklung.

     

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    Erste Erfahrungen mit machine learning bei Legal Due Diligence

    Besonders plakativ lassen sich die Möglichkeiten – aber auch die Grenzen – des Einsatzes von machine learning im Rahmen der Legal Due Diligence am Beispiel der automatisierten Analyse von Dokumenten aufzeigen. Leverton und Kira Inc., die beiden bekanntesten Anbieter von machine learning Anwendungen zur Unterstützung der Due Diligence, erzielen nach eigenen Angaben hierbei eine Treffergenauigkeit von über 90% gegenüber etwa 65% bei einem menschlichen Review.  Kira Inc. etwa gibt an, dass eine Zeitersparnis beim Review von Dokumenten von 20% bis 90% möglich sei.

    • Moderne Werkzeuge

    Das klingt zunächst sehr eindrucksvoll, doch können die Zahlen nicht darüber hinwegtäuschen, dass solche Anwendungen die Arbeit von Anwälten – jedenfalls noch – nicht ersetzen können. Sie helfen dabei den Aufwand zu reduzieren, indem sie eine Art Vorauswahl bei den relevanten Klauseln/Informationen treffen. Sie nehmen jedoch keinerlei Bewertung der Suchergebnisse vor. Die Technologien dahinter sind entwickelt worden, um bei der Lösung konkreter Probleme (technisch und kommerziell) zu helfen. Anwälten erlauben solche Anwendungen, (nahezu) unbegrenzte Datenmengen (vor-)auszuwerten, ohne hierfür Associates in bisherigem Umfang einsetzen zu müssen. Die Anwendungen liefern die gewünschten Auswertungen mit hoher Zuverlässigkeit und in sehr kurzer Zeit. Ihre Verwendung eröffnet Kanzleien daher grundsätzlich die Möglichkeit, ihre Effizienz bei der Durchführung der Legal Due Diligence durch niedrigeren Einsatz vom Human Resources zu steigern und damit, ihre Wettbewerbsfähigkeit in diesem Bereich zu erhöhen.

    • Grenzen der Technologie

    Die Anwendungen machen aber weder eine sorgfältige Vorbereitung der Due Diligence inklusive der Festlegung von Prüfungsschwerpunkten überflüssig, noch können sie die gefundenen Ergebnisse beurteilen: Die Einschätzung, ob eine Klausel zutreffend von der Anwendung identifiziert wurde, ob sie gut oder schlecht ist, rechtlich wirksam oder nicht, oder wie sie im Gesamtkontext einer Transaktion zu sehen ist bzw. am besten adressiert werden kann, bleibt nach wie vor dem Menschen vorbehalten. Es handelt sich mithin um Werkzeuge, die Anwälten manchmal mühselige und zum Teil wenig anspruchsvolle Arbeit abnehmen können. Sie berühren aber nicht den Kern dessen, was anwaltliche Beratung ausmacht.

    Im Hinblick auf M&A-Transaktionen stellt die Legal Due Diligence nur einen von mehreren Bausteinen dar und ihr Sinn erschöpft sich auch nicht im Zusammenfassen von Dokumenten. Erst die konkreten Handlungsempfehlungen im Hinblick auf die Transaktion zur Vermeidung bzw. Regelung rechtlicher oder wirtschaftlicher Risiken, die aus den zur Verfügung gestellten Informationen erkennbar werden, bieten dem Mandanten den gewünschten Mehrwert und stellen zugleich Kernkompetenzen anwaltlicher Beratung dar. Für diese Art der Arbeit sind weiterhin Anwälte erforderlich und sie werden es auch auf absehbare Zeit bleiben. Dass die Verwendung von machine learning durch Legaltechs bereits heute als echte Konkurrenz zur anwaltlichen Beratung zu sehen ist, kann daher zu Recht bezweifelt werden.28

    Dennoch kann man konstatieren, dass solche Anwendungen – richtig eingesetzt – auf Kanzlei- wie auf Mandantenseite Vorzüge bieten: Sie ermöglichen es im Rahmen der Legal Due Diligence, die zur Verfügung gestellten Unterlagen zügig auf prüfungsrelevante Klauseln bzw. Prüfungsschwerpunkte zu durchsuchen und verringern somit den Bedarf nach umfangreicher und kostenintensiver Sichtung irrelevanter Informationen durch hochqualifizierte Anwälte. Sie eröffnen den Parteien die Möglichkeit, frühzeitig ihren Fokus auf die wesentlichen Themen einer Transaktionen zu lenken. Kurz- und mittelfristig dürfte vor allem hierin der Mehrwert solcher Technologien zu sehen sein.

    Zusammenfassung und Ausblick

    Wie tiefgreifend die neuen Technologien den Kanzleialltag künftig verändern werden, kann derzeit niemand mit Sicherheit beantworten. Aktuell können sie hochqualifizierte menschliche Arbeit aber nur in sehr begrenztem Umfang ersetzen und die anwaltliche Beratung, zumal in einem komplexen Themengebiet wie der Beratung von M&A-Transaktionen, wird auch auf absehbare Zeit nicht ohne Hinzuziehung hochqualifizierter Spezialisten möglich sein.  Allerdings geben Legaltech-Unternehmen den Anwälten neue, hilfreiche Werkzeuge für ihre tägliche Arbeit an die Hand, die schon jetzt signifikanten Einfluss auf die Bearbeitung u.a. von M&A-Mandaten haben (siehe oben, physische vs. virtuelle Datenräume) und auch auf längere Sicht das Potential haben, ihren Arbeitsalltag umfangreicher und substantieller zu verändern. Möglicherweise werden Kanzleien mittel- bis langfristig dann auch gezwungen sein, ihre Strukturen oder strategische Ausrichtung zu überdenken.

    Letztlich ist Veränderung aber jeder neuen Technologie immanent. In welche Richtung der technologische Fortschritt die weitere Entwicklung des Rechtsdienstleistungsmarktes treiben wird, lässt sich mit der technischen Machbarkeit allein nicht beantworten.29 Da sich der rasch fortschreitende technologische Wandel bei der Bearbeitung von M&A-Mandaten – genauso wie von anderen Mandaten auch – jedoch nicht aufhalten lassen wird, dürften diejenigen Marktteilnehmer am besten aufgestellt sein, die die zunehmende Bedeutung von Legaltech akzeptieren und sich frühzeitig auf erkennbare Veränderungen einstellen. Denn wenngleich es nötig sein wird, künftige Neuerungen stets im Hinblick auf ihren tatsächlichen Mehrwert auch kritisch zu hinterfragen, so ist doch bereits jetzt erkennbar, dass die aufkommenden Technologien sowohl Kanzleien als auch Mandanten signifikante Vorteile bieten können.

     

    Jan.Schinkoeth@dlapiper.com | Sebastian.Walczak@dlapiper.com

     

     

    1  2016 Report on the State of the Legal Market, Center for the Study of the Legal Profession at the Georgetown University Law Center and Thomson Reuters Peer Monitor, 2016.

    2 The Future of Jobs, Employment, Skills and Workforce Strategy for the Fourth Industrial Revolution, World Economic Forum, 2016.

    3  Developing Legal Talent, Stepping into the Future of Law Firm, Deloitte, 2016.

    4 Vgl. etwa Kummer/Sliskovic, Do Virtual Data Rooms Add Value to the Mergers and Acquisitions Process, Zurich/Vienna 2007.

    5  http://legal-tech-blog.de/was-ist-legal-tech, Stand: 1. September 2016.

    6  ttp://www.thelawinsider.com/insider-news/what-is-legal-tech/, Stand: 1. September 2016.

    7 https://techcrunch.com/2014/12/06/legal-tech-startups-have-a-short-history-and-a-bright-future/,Stand: 1. September 2016.

    8 How Legal Technology Will Change the Business of Law, Boston Consulting Group and Bucerius Law School, 2016.

    9  http://tech.law.stanford.edu/, Stand: 1. September 2016.

    10  https://angel.co/legal, Stand: 1. September 2016.

    11 https://www.cbinsights.com/blog/legal-tech-market-map-company-list/, Stand: 1. September 2016.

    12 http://venturebeat.com/2014/04/13/all-rise-the-era-of-legal-startups-is-now-in-session/, Stand: 1. September 2016.

    13 https://law.stanford.edu/codex-the-stanford-center-for-legal-informatics/, Stand: 1. September 2016.

    14 https://www.cbinsights.com/blog/legal-tech-startup-funding-2016/, Stand: 1. September 2016.

    15 Vgl. z.B. die Aufzählung bei http://legal-tech-blog.de/legal-tech-in-deutschland, Stand: 1. September 2016.

    16 Future of Fintech in Capital Markets, DB1 Ventures / Celent, 2016; allein 2013 sollen die Investments weltweit etwa US$ 3 Milliarden betragen haben, vgl. The Boom in Global Fintech Investment, Accenture, 2014. Doch auch diese Zahlen können nicht unbesehen übernommen werden.

    17 http://venturebeat.com/2014/04/13/all-rise-the-era-of-legal-startups-is-now-in-session/, Stand: 1. September 2016.

    18 http://venturebeat.com/2014/04/13/all-rise-the-era-of-legal-startups-is-now-in-session/, Stand: 1. September 2016.

    19 http://legaltransformationinstitute.com/blog/2014/2/22/make-that-400-billion-for-us, Stand: 1. September 2016.

    20 http://legal-tech-blog.de/der-markt-fuer-rechtsdienstleistungen-in-deutschland-ein-50-mrd-eur-markt, Stand: 1. September 2016.

    21 Douglas R. Hofstadter – Gödel, Escher, Bach: An Eternal Golden Braid.

    22  Das Prinzip des deep learning ist von der Funktionsweise des menschlichen Gehirns mit seinen Neuronenverbindungen inspiriert und wurde einem breiteren Publikum durch Google Brain oder auch jüngst Alpha-Go bekannt.

    23 Die in den 1960er Jahren von Gordon Moore Gesetz aufgestellte Prognose, wonach sich (vereinfacht) die Leistung von Computerprozessoren etwa alle zwei Jahre verdoppelt.

    24 Zum Teil wird auch der Begriff „kognitive Technologie“ verwendet.

    25 Demystifying Artificial Intelligence, What Business Leaders Need to Know about Cognitive Technologies, Deloitte University Press, 2014; Google z.B. soll 2014 für DeepMind ca. US$ 400 Millionen bezahlt haben.

    26 https://www.tractica.com/newsroom/press-releases/deep-learning-software-market-to-surpass-10-billion-by-2024/, Stand: 1. September 2016.

    27 https://www.tractica.com/newsroom/press-releases/deep-learning-software-market-to-surpass-10-billion-by-2024/, abgerufen am 1. September 2016

    28 Zudem könnten sich auch rechtliche Fragen nach der Vereinbarkeit solcher Anwendungen mit dem Rechtsdienstleistungsgesetz stellen, würden sie tatsächlich anwaltliche Beratung ersetzen wollen.

    Dr. Jan Schinköth, Rechtsanwalt und Partner DLA Piper UK LLP, München
    Jan.Schinkoeth@dlapiper.com

    Sebastian Walczak, LL.M., Rechtsanwalt und Senior Associate DLA Piper UK LLP, München
    Jan.Schinkoeth@dlapiper.com

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