Der Life Science Sektor ist im Umbruch

6. September 2017 - Der Life Science Sektor war immer ein Stiefkind der deutschen Finanzierungsindustrie. Ein Beispiel: „Immunic Therapeutics“ aus Martinsried bei München hat eine Serie A-Finanzierungsrunde mit einem Gesamt-Volumen von 31,7 Millionen EUR abgeschlossen hat. Die Investoren kommen alle aus dem Ausland: Omega Funds (Boston, MA, USA) und Fund+ (Leuven, Belgien) sind mit der Investition von insgesamt zehn Mio. EUR dem bestehenden internationalen Investoren-Konsortium, unter der Federführung des niederländischen VC-Investors LSP, beigetreten. Warum ist das so? Und wo gedeihen Life Science Firmen am besten?

Dazu 3 Fragen an
Lutz Voelker

Gründer von aspect.partners GmbH & Co KG
lutz.voelker@aspectpartners.eu

6. September 2017

1 - Der Life Science-Sektor befindet sich in einem grundlegenden Umbruch. Wo geht die Reise hin?

Der Life Sciences und Gesundheitssektor steht vor ähnlich disruptiven Umbrüchen, wie die „klassischen“ Industrien beim Thema Industrie 4.0.. Getrieben wird dieser Umbruch einerseits durch bahnbrechende molekulare Forschung und Diagnostik, die einen nie dagewesenen Erkenntnisgewinn generiert – und damit auch gigantische neue Datenmengen – sowie durch eine konsequent fortschreitende Digitalisierung bei Forschung, Prüfung und Zulassung von neuen Wirksubstanzen, bei der Diagnostik, Therapieauswahl und nachhaltigen Betreuung von Patienten sowie bei neuen digitalen Geschäftsmodellen der „klassischen“ Medizintechnik.

Ein Folge dieser Entwicklung sind neue Bereiche wie die Personalisierte Medizin, welche individuell auf den Patienten zugeschnittene Behandlungskonzepte verfolgt, aber auch der Einsatz von Big Data Analytics Werkzeugen zur konsequenten Analyse und Verbesserung von Einzeltherapien oder ganzheitlichen Therapie-Workflows („Outcomes“). Dieses wird einen signifikanten Einfluss auf die gesamte Wertschöpfungskette im Gesundheitswesen haben und wird insbesondere auch die Pharmaindustrie massiv beeinflussen. Betrachtet man den Anteil der Pharma- und Medizintechnik-Industrie am deutschen Bruttosozialprodukt zusammen mit dem Anteil der medizinischen Versorger (z.B. Krankenhäuser), erhält man als Summe einen Anteilswert am deutschen Bruttosozialprodukt, der nahezu vergleichbar ist mit dem der Automobilindustrie. Ähnliche Verhältnisse kann man in allen anderen westlichen Ländern beobachten.

2 - Sie unterhalten enge Beziehungen in die USA. Warum empfehlen Sie europäischen Biotech-, Medtech- oder Diagnostik-Firmen ihr Wachstum in die USA zu verlegen?

Das Thema muss sicherlich differenziert betrachtet werden und jedes Unternehmen wird solch eine Entscheidung individuell treffen müssen. Es gibt aber ein paar eindeutige Indikatoren, die eine solche Entscheidung beeinflussen können:

Bei den USA handelt es sich schlicht um den größten Markt im Gesundheitswesen weltweit, mit den entsprechenden Wachstumspotenzialen, außerdem geben die USA gemessen an einem Anteil von nahezu 20% ihres Bruttosozialprodukts weltweit das meiste Geld für Gesundheit aus. Auch ist die Mehrzahl der forschenden Pharmaunternehmen in den USA angesiedelt. Damit verbunden existiert in den USA der größte Kapital- und Investorenmarkt für Life Sciences weltweit mit einer Vielzahl erfahrener, professionell agierenden und teilweise sehr spezialisierten Investoren. Die Anzahl der entsprechenden Investmentgesellschaften und die dazugehörigen Fonds-Volumen sind ungleich größer als in Europa, sodass Firmen, die sich in den USA engagieren wollen,  auf eine sehr investitionsfreundliche Umgebung treffen. Dies gilt auch für die Seed- und Frühphasenfinanzierung, ein Bereich der in Europa vergleichsweise schwach ausgeprägt ist.
In den USA gehört der Life Science Bereich zu den Top Wachstumsbereichen. Viele Städte und Gemeinden mit meist sehr guter wissenschaftlichen Infrastruktur haben dies erkannt und werben zur Zeit mit attraktiven Modellen, um europäische Firmen in den USA anzusiedeln. Dabei handelt es sich nicht nur um die bekannten Standorte, wie Boston oder Palo Alto, sondern auch um Städte, wie zum Beispiel Orlando, Florida (https://vimeo.com/120180046), oder San Antonio, Texas.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist schlicht das Geldverdienen: Jedes Unternehmen im Lifescience Sektor muss zuerst den klinischen Nachweis über die „Wirksamkeit“ und „Anwendbarkeit“ seiner Produkte erbringen und dann müssen entsprechende Zulassungsverfahren erfolgreich durchlaufen werden. Damit es danach ans Geld verdienen gehen kann, müssen die Produkte und Anwendungen durch die entsprechenden Kostenträger bezahlt werden, ansonsten bleibt nur der vergleichsweise kleine Bereich der Selbstzahler. Bedauerlicherweise muss man in Deutschland nach Zulassung seiner Produkte und Anwendungen noch mit durchschnittlich weiteren vier Jahren rechnen (Ausnahmen ausgenommen), bis diese die Erstattungsfähigkeit erhalten, sodass sie auch von den Krankenkassen bezahlt werden. Das ist eine große Hürde für viele Unternehmen, aber auch für Investoren, da die Zyklen, bevor ein Unternehmen beginnt wirtschaftlich erfolgreich zu sein, deutlich länger sind, als in anderen Technologiebereichen.

In den USA sind die Erstattungsverfahren („Reimbursement“) erheblich vielfältiger und damit auch komplexer. Es ergibt sich aber daraus ein breiter Fächer von unterschiedlichen Abrechnungsmöglichkeiten, sodass eine Erstattung nach erfolgreicher Zulassung in der Regel einfacher und viel schneller zu erreichen ist, als in Europa. Zudem sind große US Health Systeme, wie Kaiser Permanente oder Adventist Health sehr innovationsfreudig und oft bereit, Sonderwege zu gehen.

3 - Wie entwickelt sich die Investoren-Struktur im Biotech-Sektor?

Die USA sind unstrittig der größte Kapitalmarkt für Lifesciences und Health Care weltweit. Die Anzahl der Fonds, die in den unterschiedlichsten Unternehmensphasen investieren und deren Fonds-Volumen ist um ein Vielfaches größer als in allen anderen Regionen der Welt zusammen. Die NASDAQ ist mittlerweile weltweit die attraktivste Börsenplattform für Life Sciences Unternehmen, nicht für den IPO, sondern insbesondere auch für Secondaries und Add-Ons. Der weltweit größte Kapitalmarkt-Event im Bereich Life Science Industry ist die JP Morgan Life Sciences Investor Conference, die jedes Jahr im Januar in San Francisco stattfindet.

China ist dabei, gewaltig aufzuholen. Das Thema Gesundheitswesen ist eine der fünf strategischen Säulen im neuen fünf-Jahresplan der Regierung der Volksrepublik. Der Sektor boomt und es entstehen monatlich neue exzellente Start Ups in den unterschiedlichsten Bereichen des Life Science Sektors. Gleiches gilt für den Kapitalmarkt. Zusammen mit unserem Partner-Unternehmen in Hong Kong haben wir gerade eine Analyse des chinesischen VC Marktes im Sektor Life Sciences durchgeführt. Neben schon etablierten Finanzinvestoren, wie Decheng Capital oder Tencent haben wir mehr als 30 neue VCs identifizieren können, die in den letzten zwei bis drei Jahren entstanden sind. Die Fonds-Volumen bewegen sich in der Regel im dreistelligen Millionen Bereich.

Die Situation in Deutschland und Europa hinkt bedauerlicherweise deutlich (mal wieder) hinterher. Es gibt eine respektable Anzahl von Investmentfonds und Beteiligungsgesellschaften, die in der Vergangenheit ansehnliche Erfolge erzielt haben, jedoch ist die Zahl neuer Fonds sehr begrenzt. Eine deutliche Anzahl der etablierten Fonds fokussieren sich entweder nur auf Pharma/Therapeutika oder auf later stage-Unternehmen. Fonds, die sich verstärkt auf die neuen Themen, wie neue Diagnostica, digitale Medizintechnik oder Genomics fokussieren, sind in der Minderheit. Einige wenigen Ausnahmen finden sich z.B. in UK, hier ist eine breitere Aufstellung erkennbar, jedoch gibt es dort eine ganze Reihe von Gesellschaften, die nur in UK, bzw. im Spin-Off Umfeld der britischen Universitäten investieren. Auch in der Schweiz wurde gerade ein neuer 500 Mio. CHF Start Up Fonds aufgelegt, dieser investiert breit in alle neuen Technologien. Bedauerlicherweise gibt es in Deutschland und Europa vergleichsweise nur wenige Fonds, die in Seed- oder Früh-Phasen investieren.

 

Über Dipl. Ing. Lutz Voelker

Herr Völker ist Managing Partner bei aspect.partners und Leiter der Healthcare Practice. Daneben ist er als Mitglied des „Healthcare Big Data Councils“ bei der Gerson Lerman Group, New York, tätig (GLG), wo er Investmentgesellschaften bei Investitionen im Life Science Sektor berät. Weiterhin ist er für die Geschäftsbereichsleitung der SAP Health Group bei SAP SE als strategischer Berater tätig und berät in Strategiefragen das Executive Team von Adventist Health System, eines der größten Gesundheitssysteme und Krankenhausbetreiber im US Gesundheitswesen mit mehr als 9 Mrd. USD Umsatz und mehr als 4,7 Mio. Patienten jährlich.

Herr Völker hat als Gründer der aspect.partners eine Vielzahl von Transaktionen und Finanzierungen begleitet. Neben Mandaten junger Firmen im Life Science Umfeld hat er im Jahr 2015 verschiedene Kapitalmarkt-Roadshows für Life Science Unternehmen in den USA betreut und 54 Mio. Euro im Rahmen von zwei Finanzierungsrunden für einen US/Europäisches Unternehmen im Lifesciences Bereich eingeworben. Aktuell (30. August 2017) betreut aspect.partners fünf europäische Mandate und ein US Mandat im Bereich Lifesciences.

 

Über aspect.partners

aspect.partners ist ein unabhängiges Beratungsunternehmen auf Basis eines partnerschaftlichen Zusammenschlusses von ehemaligen Industriemanagern und Investmentbankern. Unsere Partner verfügen alle über solide, langjährige, internationale Industrie Erfahrung als Senior Manager, General Manager oder als Vorstände internationaler Unternehmen und haben in der Regel internationale Organisationen geleitet.

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